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  • Hendrik Fluegge

„Wir wollen der nachhaltigste Klub der Welt sein“

Zu Gast: Dirk Schlünz, Geschäftsleiter Vermarktung 1. FC Nürnberg


Dirk Schlünz (li.) und Thomas Lötz (r.)



Hinweis: Dieses Transkript ist – im Vergleich zum Podcast – an der ein oder anderen Stelle auf Lesefreundlichkeit hin sprachlich optimiert worden; ohne die inhaltlichen Aussagen zu verändern.]



Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von LÖTZ TALK, dem sustainable Football Podcast. Heute ist bei uns zu Gast: Dirk Schlünz. Dirk Schlünz ist 50 Jahre alt, war für die Sportvermarktungsagenturen Ufa Sports, Sportfive und Lagardère tätig. Dirk hat in Madrid, Prag, Nürnberg, Berlin, Genf und Tel Aviv gearbeitet, ehe er im November 2018 die Seiten wechselte – er heuerte beim FC St. Pauli an und stellte den Kiezklub erfolgreich auf Eigenvermarktung um. Seit dem Oktober dieses Jahres ist Dirk Schlünz Geschäftsleiter Vermarktung beim 1. FC Nürnberg.


Hallo Dirk.


Hallo, freut mich.


Dirk, für viele unserer Zuhörer sind Nachhaltigkeit und Vermarktung ein absoluter Widerspruch wie löst du das auf?


Dann steigen wir ja gleich voll in die Thematik ein, sozusagen. Also grundsätzlich sind für mich Nachhaltigkeit und Vermarktung kein Widerspruch, jedenfalls dann nicht, wenn man auch in der Vermarktung nachhaltig agiert. Nachhaltigkeit im Fußball – wie eigentlich auch in jedem anderen Bereich – ist eben für mich auch nicht nur ein Themenbereich, den man bearbeitet oder spielen kann. Wenn man zum Beispiel an Diversität, Klimaneutralität denkt, Themen die jetzt gerade im Fokus stehen, und mit Nachhaltigkeit unmittelbar verbunden werden. Es ist auch in meinen Augen keine Sponsoren- oder Partnerkategorie, also es ist kein Produkt, was man in der Vermarktung entwickelt und dann für das man dann einen Partner sucht. Sondern für mich ist Nachhaltigkeit in erster Linie eine innere Haltung, würde ich sagen. Sozusagen eine Art universaler Wert. Und nach diesem Wert und nach dieser inneren Haltung, dieser Betrachtung von Nachhaltigkeit, sollte man eigentlich versuchen, dann alle Entscheidungen innerhalb eines Unternehmens – oder auch in unserem Fall innerhalb eines Vereins – zu treffen oder zumindest mal zu überprüfen und zu reflektieren: Ist das, was ich gerade tue und entscheide, auch nachhaltig. Und da gibt es eben verschiedene Aspekte.


Kannst du das für deine Position jetzt mal konkret machen, also für deinen Verantwortungsbereich beim „Club“?


Ich habe zwei Themen. Operativ ist es die Vermarktung. Da geht es natürlich darum, Geld zu verdienen, und zwar Geld dafür zu verdienen, dass wir auf der einen Seite sportlich erfolgreicher sein können und auf der anderen Seite aber auch unsere Themen, die abseits des Platzes sind, die von Katharina Fritsch und ihrem Team superhervorragend gemacht werden, die ganzen CSR-Themen, dafür brauchen wir natürlich am Ende auch finanzielle Ressourcen. Das ist meine operative Aufgabe, und auf der anderen Seite ist es natürlich jetzt im ersten Schritt wichtig, ein Team aufzubauen und Personal einzustellen, und dann die Frage auch, wie man das Team führt – und Frage Personalführung: Wie man da nachhaltig agieren kann, ist für mich das Ziel, und das habe ich ein bisschen von Andreas Rettig übernommen, der mir das mal …


… beim FC St. Pauli …


… , der mir das mal beim FC St. Pauli nahe gebracht hat, und wo ich dachte: Ja, das macht eigentlich Sinn, nämlich das Ziel zu haben, sich selber überflüssig zu machen. Das muss das Ziel sein, dass man seine Mitarbeiter so fördert und auch entwickelt und die Struktur so aufstellt, dass man selber am Ende überflüssig ist. Weil dann ist sozusagen der Status erreicht, wo ein Team wunderbar funktioniert und man sich selber dann übergeordneteren Themen oder weiteren Entwicklungsthemen widmen kann und die gesamte Organisation davon profitiert.


Wo dann auch Kontinuität da ist, also ebenso Nachhaltigkeit in diesem Sinne, personenunabhängig?


Genau richtig, dann funktioniert das eben auch, wenn man mal nicht da ist.


Ich habe es eingangs im Intro erwähnt, du hast sehr lange Zeit für Sportvermarktungsagenturen gearbeitet, kennst dich also da sehr gut aus, weißt jetzt aufgrund deiner Erfahrung – Switch Fremdvermarktung/Eigenvermarktung beim FC St. Pauli –, auch, wie das gut geht. Können Vermarktungsagenturen nach ihrem derzeitigen Geschäftsmodell für einen Klub überhaupt nachhaltig agieren – oder schließt sich das nicht eigentlich komplett aus?


Das glaube ich schon. Also ich glaube schon, dass Vermarktungsagenturen auch nachhaltig agieren können. Keine Frage, warum nicht, wie jedes andere Unternehmen auch. Das sehe ich aber jetzt noch nicht in der Form, in der es, glaube ich, am Ende möglich ist. Ich glaube, Nachhaltigkeit ist eben gerade kein Zukunfts- oder besonders kein Wachstumsthema. Sondern es ist eigentlich ein Gegenwartsthema. Es passiert nämlich gerade jetzt und heute im Hier und Jetzt und nicht irgendwie morgen oder in der latenten Zukunft. Und wenn man sagt, Nachhaltigkeit ist insbesondere eine Chance auf wirtschaftliches Wachstum, dann ist das so ein bisschen der Versuch, das Thema für wachsenden wirtschaftlichen Erfolg zu skalieren und am Ende daraus ein Produkt zu machen. Ich glaube aber, wie gesagt, dass man Nachhaltigkeit eher als eine Haltung begreifen muss, als einen Wert, nach dem man insgesamt alle Entscheidungen ausrichtet. Auf der anderen Seite ist natürlich Skalierung das Businessmodell von Agenturen – also nicht nur im Sport sondern auch im medialen Bereich –, weil das eben die Effizienz in der Vermarktung hergibt. Und das ist natürlich dann so ein bisschen das Problem. Es gibt ja die Theorie oder beziehungsweise den Ansatz zu sagen, wir leben in einer VUCA-Welt, also in einer volatilen, unsicheren, komplexen, mehrdeutigen Welt. Und da greifen die klassischen Management-Tools, nach denen man Unternehmensentscheidungen ausrichtet, nicht mehr so richtig, sondern man muss eigentlich eine Ebene höher gehen und sagen: Was sind meine Werte und nur die sind stabil, auch über die Dauer, und nachhaltig stabil, egal was in der Welt passiert. Egal ob eine Pandemie kommt. Egal ob es soziale Verwerfungen oder Spaltungen gibt – die Werte bleiben, und ich kann meine Entscheidung im Unternehmen immer nach diesen Werten ausrichten. Und das steht für mich noch so ein bißchen im Widerspruch: Nachhaltigkeit wird da noch zu sehr als „Das ist eine neue Produktkategorie, die skalieren wir jetzt und jeder Partner oder jeder Verein kann da jetzt neue Umsätze und neues Wachstum generieren“. Das ist es für mich in der Form nicht.


Dann frage ich vielleicht noch mal ein wenig pointierter: Warum sollte ein Verein heute keinen externen Vermarkter mehr beschäftigen?


Das würde ich pauschal nicht so sagen. Also man muss ja auch klar sagen, dass die Vermarkter auch einen guten Job machen, absolut. Ich habe ja selber 14 Jahre für einen gearbeitet, und da sind extrem gute, talentierte, hochmotivierte Leute, die auch super Leistung bringen. Ich glaube die Frage, ob man eine Eigenvermarktung macht oder eine Agenturvermarktung, die hängt von vielen Kriterien ab, die jeder Verein für sich individuell beantworten muss. Das hängt davon ab, ob man wirklich eine Klarheit hat über die eigenen Werte als Verein. Also sprich, die Frage, für was stehe ich als Verein und was mache ich eigentlich anders als andere Vereine, um diese Austauschbarkeit auch ein bisschen zu vermeiden. Ich brauche ein klares Profil und ich muss wissen, was ich vermarkten will, wenn ich selber machen will. Ich muss mich natürlich auch damit auseinandersetzen, wie bin ich wirtschaftlich aufgestellt, denn eine Eigenvermarktung ist erstmal auch eine große Unternehmensentscheidung und hat ein Risiko, keine Frage. Es kostet auch erst mal Geld, man muss eigene Strukturen aufbauen, man verzichtet im Zweifel auch auf etwas. Das muss man sich gut überlegen. Standort ist eine wichtige Frage in punkto Personal. Der Erfolg einer Vermarktung oder Eigenvermarktung hängt maßgeblich vom Personal ab …


… was wiederum auch ein bisschen kostet …


… Was dann auch kostet …


… weil man es aufbauen muss, weil man es ja selbst nicht besitzt. Sonst hat man es ausgegliedert zum Vermarkter, der hatte die Leute. Jetzt muss ich sagen, ich muss das aufbauen, brauche Expertise, das kostet Geld.


Absolut, und das ist ein wichtiger Punkt. Da gibt es auch die Phasen, wo man noch eine Agentur hat und man schon ein eigenes Team aufbaut. Auf der anderen Seite ist das dann die wirtschaftliche Betrachtung: Eine Agenturvermarktung ist ja auch nicht umsonst. Man zahlt Provision, und man muss gucken, was am Ende vielleicht auch effizienter und kostengünstiger ist. Aber es ist auch eine Frage, wo man Personal akquirieren kann. Da haben natürlich die großen Metropolen in Deutschland einen Vorteil, was das Personal angeht, und kleinere Standorte vielleicht einen Nachteil. Auch das muss man sich überlegen: Bekomme ich die Leute, die ich für eine gute Eigenvermarktung brauche, bekomme ich die überhaupt an meinen Standort.


Du bist ja damals agenturseitig schon mal für den FCN tätig gewesen, das ist schon ein paar Jährchen her. Jetzt ist es dein Ziel mit dem Klub, zum nachhaltigsten Verein der Welt zu werden. So steht das auch in eurem Leitbild. Das klingt für mich – ehrlich gesagt ein bisschen unfränkisch – nach einer sehr, sehr großen Vision …


Ja, ist es wahrscheinlich auch. Der FCN hat tatsächlich das Ziel aufgerufen, der nachhaltigste Verein der Welt zu werden. Das ist auch eine Sache, die ich Niels Rossow, unserem kaufmännischen Vorstand, der das Thema und diesen Ansatz maßgeblich zusammen mit wahrscheinlich Katharina Fritsch, CSR (Coporate Social Responsibility, d.A.) entwickelt und getrieben hat, sehr hoch anrechne und großen Respekt davor habe, weil man sich damit nach außen traut und ein großes Ziel eben auch nennt. Damit ist man natürlich auch immer ein Stück weit angreifbar. Aber es gibt ja diesen Begriff dieses BHAG – Big Hairy Audicous Goal …


… ein toller Begriff …


… ja, also ein großes, haariges, sehr ambitioniertes Ziel, was man wahrscheinlich nie erreichen kann, aber vielleicht irgendwie dann doch mal. Und wahrscheinlich schmunzeln da viele, und das kann ich auch sehr gut verstehen. Aber es ist vor allen Dingen erst mal eins: Es ist eine ganz klare Vision, es ist ein ganz klares Unternehmensziel, was Niels Rossow da für den FCN mit entwickelt hat und hinter dem sich zuerst mal alle Mitarbeiter, wie auch ich, versammeln können und über das absolute Einigkeit besteht, dass man da hin will. Deswegen ist auch so eine Frage, die öfter mal gestellt wird, wo ist denn das Thema Nachhaltigkeit bei euch aufgehängt, in welchem Bereich. Gibt es da einen CSR-Manager? Oder gibt es da einen Nachhaltigkeitsmanager? Und viele sagen dann, das ist beim CEO (Chief Executive Officer, d. A. ) oder beim Vorstand. Weil das natürlich nach außen erstmal suggerieren soll, das dann eine besondere Ernsthaftigkeit dahinter steht. Aber wie gesagt, ich glaube eigentlich, dass das Thema bei allen im Verein oder in einem Unternehmen verankert sein muss, die Entscheidungen treffen. Egal auf welchem Level. Weil nur dann wird es Bestandteil einer Kultur, und nur dann ist es wirklich am Ende auch nachhaltig.


Was ist denn der Markenkern des 1. FC Nürnberg?


Unser Kernwert: „Aufstehen und weitermachen.“ Und das ist, glaube ich, auch in unserer Historie ganz gut nach zu verfolgen. „Offen sein und offen bleiben“ ist ein Ansatz, der unsere gesellschaftliche Haltung widerspiegeln soll. „Wir grenzen niemanden aus, der seinerseits niemanden ausgrenzt“ – darum geht es. „Zusammen helfen und zusammen helfen“ soll eben auch den Ansatz der Community, der Gemeinschaft repräsentieren. Und im Wesentlichen geht es uns immer darum, Menschen zusammenzubringen, um einerseits unseren Verein, den Club, besser zu machen, aber auch das Leben jedes Einzelnen. Das sind eigentlich unsere Kernwerte.


Zu dieser ganzen Thematik „Markenkern“. Es gibt viele Klubs, die haben so Claims. Mir scheint das oft so, dass die Positionierung zumindest über den Claim nicht ganz klar wird. Was soll zum Beispiel „Wahre Liebe“ heißen, Claim von Borussia Dortmund. Oder „Spürbar anders“, 1. FC Köln. Oder aber eben „Der Club. Das Leben“, 1. FC Nürnberg. Kannst du uns da mal ein bisschen unter die Arme greifen?


Ja, das ist ein beliebtes Thema in der Diskussion, wie diese Claims sind. Und ich musste selber einmal herzlich lachen, als ich irgendwo einen Tweet gelesen habe, und da hat einer gefragt: „Sind das eigentlich alles“ – und da gibt es ja viele andere Beispiele, jetzt gerade nicht bezogen auf die, die du genannt hast, sondern generell – „Sind diese Slogans vom Fußballverein eigentlich Slogans von Fußballverein oder sind das Titel von „Traumschiff“-Folgen?“ Das ist witzig, da muss ich selber lachen, da ist ja auch immer ein Funke Wahrheit dran. Ich glaube aber, dass gerade die von dir genannten Vereine da eine sehr klare Positionierung haben. Vor meinen Hintergrund verfolge ich natürlich zum Beispiel sehr eng, was Borussia Dortmund im Engagement gegen Antisemitismus von heute macht …


… man muss dazu sagen, du hast lange Zeit in Israel gelebt …


… Genau richtig, ich war elf Jahre in Tel Aviv …


… Bist mit einer Israelin verheiratet …


Ich bin mit einer Israel verheiratet und habe drei kleine Kinder, die dann dem jüdischen Glauben nach auch eben jüdisch sind, insofern interessiert mich das Thema natürlich, und ich verfolge eng, was Borussia Dortmund da macht. Und wenn Carsten Cramer und Joachim Watzke regelmäßig nach Israel fliegen und in Yad Vashem (Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, d. A.) sind – wo ich selber übrigens in elf Jahren nie war, weil mir das wahrscheinlich zu nahe gehen würde – das verfolge ich sehr und respektiere ich sehr. Ich finde gerade bei dem Thema, den Antisemitismus in seiner heutigen Form zu bekämpfen, da macht Borussia Dortmund wirklich einen sehr, sehr guten Job. Und Köln, finde ich, hat einen extrem sympathischen und authentischen Auftritt und eine Positionierung für das Thema Diversität und gegen Homophobie. Das kommt bei mir jedenfalls super authentisch und sehr sympathisch an. Also insofern finde ich die beiden Beispiele eigentlich nicht so passend, wenn man überlegt, ob Vereinsslogans irgendwie vielleicht nicht so passend oder ein bisschen gekünstelt sind. Bei den beiden Beispielen finde ich das eigentlich sehr gut.


Kommen wir zum Club zum eigenen: „Der Club. Das Leben“. Wie ist eure Positionierung?


Unser Claim ist ja „Der Club. Das Leben“, und wir versuchen das irgendwie bildhaft darzustellen, dass man sagt: Immer gewinnen ist natürlich toll – aber eben nicht das Leben. Also, es mag Leute und Menschen geben, die so durchs Leben wandern und immer gewinnen und alles klappt – da fällt mir spontan Franz Beckenbauer ein …


… Bayern München fällt einem in der Regel da sofort ein.


Aber, das finde ich sehr authentisch: Der Club ist wie das Leben. Es geht hoch und runter. Und es ist eben wichtig, dass man immer wieder aufsteht und weitermacht. Und nicht nur einmal aufsteht und weitermacht, sondern immer wieder. Wir sind Rekordaufsteiger, aber auch Rekordabsteiger. Und die schöne Message dahinter ist ja: Man kann immer wieder aufstehen – und das versuchen wir mit dem Slogan „Das Leben“ wiederzugeben. Auf der anderen Seite haben wir natürlich eine ganz tolle Positionierung mit „Der Club“. Das ist der einzige Verein der Welt, der „Der Club“ genannt wird. Auch im Englischen gibt es „The Club“ nicht, also da fällt mir kein Verein ein. Das ist so ein bisschen wie „Tempo“ zum Begriff geworden ist für Taschentücher, obwohl es ein Markenname ist. Und Rollerblades für Rollschuhe. Das ist ein ganz toller Wert, und das wollen wir natürlich verbinden.


Du hast das vorhin im Prinzip schon angeschnitten: Wenn wir über Eigenvermarktung reden, also über das was du jetzt ja beim „Club“ implementiert oder in die Umsetzung bringst, dann ist ja die Voraussetzung eigentlich, dass ein Klub genau weiß, für welche Werte er steht, oder? Anders ist das ja gar nicht zu machen.


Absolut, das ist der Kern. Letztendlich ist eben immer die Frage: Was vermarktet man? Man vermarktet natürlich das Kerngeschäft, den Sport, dass am Wochenende Fußball gespielt wird. Und auf der anderen Seite vermarktet man das, wofür man als Verein steht, mit dem sich Partner und Firmen und Kunden assoziieren wollen. Das ist wahrscheinlich mindestens genauso wichtig, weil gerade sportlichen Erfolg als konstantes Ereignis, das können eben nur ganz wenige vermarkten – da sind wir wieder beim Thema Bayern München, die ein Abonnement auf Erfolg haben. Was auch großen Respekt verdient. Aber das kann eben nicht jeder für sich reklamieren. Also muss man überlegen: Für was kann ich denn noch stehen außer für sportlichen Erfolg, den per Definition in der Liga eben eigentlich nur einer oder wenige haben können. Und ich glaube, daran müssen wir arbeiten, die eigenen Werte rauszustellen auch in der in der Wahrnehmbarkeit. Wir haben jetzt das Leitbild entwickelt, jetzt müssen wir das mit Leben füllen und dass es auch erkennbar wird nach außen. Jemand, der das vielleicht schon ganz gut geschafft hat, auch die Vermarktung vom sportlichen Erfolg zu entkoppeln, ist natürlich St. Pauli. Die funktionieren – und das Stadion ist voll und die Stimmung ist gut – eigentlich unabhängig, wie die sportliche Situation ist. Das ist auch ein Ergebnis von Martin Drust, ein sehr geschätzter Kolleger bei St. Pauli, der das dort steuert – mit großer Behutsamkeit und sehr smart. Er betreut das Thema so, dass eben diese Werte und diese Positionierung funktionieren.


Wo wir gerade über St. Pauli reden. Dort hast du ja angefangen mit dem Switch zur Eigenvermarktung hin und das auch, so wie ich das beurteilen kann, relativ erfolgreich hinbekommen. Jetzt bist du beim „Club“, kannst du Erfahrungen, die du in deiner Zeit beim FC St. Pauli gemacht hast, übertragen oder sozusagen eins zu eins kopieren auf Nürnberg? Oder ist das schwieriger oder doch ein bisschen komplexer, als man sich das jetzt vorstellt, weil sonst würdest du eigentlich im Prinzip wieder die Rolle eines klassischen Sportvermarkter übernehmen, der dann einfach etwas überstülpt, oder?


Völlig richtig analysiert. Ja und nein ist die Antwort. Nein, weil die Marken natürlich völlig unterschiedlich sind, und das ist am Ende auch gut so, weil entscheidend ist ja, dass jeder Verein sein eigenes Image und seine eigene Positionierung findet und seine eigenen Themen, mit denen er sich beschäftigt. Es gibt natürlich viele Parallelen zwischen St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg: Das ist der Glaube an soziale und gesellschaftlichen Zusammenhalt als das wichtigste Thema eigentlich, um große Probleme zu lösen, die kein Einzelner lösen kann, sondern die wir nur in der Gemeinschaft lösen können. Es ist wahrscheinlich auch die Überzeugung und der Glaube, dass man den großen Budgets und den höheren Budgets, die andere Vereine haben, besonders mit Kreativität und vielleicht mit größerem Engagement begegnen muss. St. Pauli hat eine klare politische Positionierung, und wir sagen eher, wir wollen Begleiter unser Community durch das ganze Leben sein. Was heißt das? Wir statten zum Beispiel jedes neugeborene Baby in Nürnberg mit einem Starter-Kit aus, da ist ein Strampelanzug drin. Wir haben gerade die Aktion gemacht, dass wir versuchen, jeden Erstklässler, der eingeschult wird, in den Schulen zu besuchen und dort verteilen wir ein Paket mit Dingen, die man für den Schulstart braucht. Wir wollen oder wir denken auch darüber nach, irgendwann vielleicht eine Trauerbegleitung bei uns im Verein anzubieten, also sozusagen von der Geburt bis zum Abend des Lebens wollen wir die Gemeinschaft in den Vordergrund stellen und ein Anlaufpunkt für Menschen sein, darum geht es. Und die andere Frage nach der Erfahrung? Ja, natürlich helfen Erfahrungen, die man woanders auf einem ähnlichen Thema gesammelt hat wie ich in meiner Zeit als Verantwortlicher für den Aufbau der Eigenvermarktung beim FC St. Pauli in den zweieinhalb Jahren. Natürlich hilft das jetzt, hilft mir auch gerade jetzt bei der Personalauswahl für den 1. FC Nürnberg, was für Personen und Kolleginnen und Kollegen man braucht. Und wenn ich mir jetzt das angucke: Alle Kollegen, die ich damals eingestellt habe, beim FC St. Pauli sind mit einer Ausnahme noch da. Und ein Kollege, den ich damals ausgesucht hatte und und eingestellt habe, hat jetzt meine Rolle inne. Das freut mich sehr, weil das ist auch so eine Bestätigung, dass man nicht ganz falsch gelegen hat und dass man auch Personal so entwickelt hat, dass sie da in so eine Rolle – was ich eingangs sagte – schlüpfen können. Also insofern, ja, man lernt mit der Erfahrung, und jetzt haben eben Niels Rossow und ich ein sehr klares Bild zusammen, was wir brauchen, um erfolgreich in der Eigenvermarktung beim „Club“ zu sein.


Ich glaube eine gute oder eine interessante Frage ist ja auch, die sich wahrscheinlich viele stellen, wie lässt sich das denn eigentlich messen, Nachhaltigkeit in der Vermarktung – oder auch der Erfolg von Nachhaltigkeit in der Vermarktung – wie geht das?


Ja, sehr gute Frage. Die Wahrheit ist, ich habe auch keine abschließende Antwort darauf. Wahrscheinlich geht das gar nicht. Nachhaltigkeit ist ja kein offiziell messbares Kriterium. Es ist, wie gesagt, für mich ein Wert, eine Haltung. Man könnte auch sagen, wir möchten der attraktivste Verein der Welt sein. Wie will man das messen, ob man attraktiv ist. Aber man kann sich die Frage stellen, ist – wenn das Stadion CO2-neutral ist –, ist das nachhaltig? Oder wenn man besonders auf Diversität beim Personal achtet – ist das nachhaltig? Oder wenn man die nachhaltigsten Sportklamotten herstellt? Wahrscheinlich sind alle diese Punkte einzelne Bausteine. Aber ich glaube gerade nachhaltig-nachhaltig sozusagen ist man, wenn man bewusst anfängt eigentlich alle Entscheidungen nach nachhaltigen Kriterien auszurichten. Egal ob man das in der Vermarktung macht, beim Personal, auch im Sport. Wenn man wirklich überlegt, ist das jetzt nachhaltig? Hat das eine langanhaltende, wichtige Wirkung, die sich positiv auf das Unternehmen, auf die Langfristigkeit auszahlt – oder eben nicht? Und ich glaube, das geht nicht von heute auf morgen. Wir haben die Diskussion Mobilitätswende, Kohleausstieg und so weiter. Ja, das muss alles gemacht werden, aber geht eben nicht von heute auf morgen. Und so werden auch Fußballvereine nicht von heute auf morgen komplett nachhaltig, sondern das ist erstmal eine Bewusstseinsänderung, dass man darüber nachdenkt.


Du hast Unternehmen angesprochen, da ist ja häufig so bei Umstrukturierungsmaßnahmen – wir sind jetzt gerade in der Pandemie, auch traditionelle Unternehmen müssen sich stärker digitalisieren beispielsweise. Und dann gibt es natürlich Leute, die mitziehen und andere die nicht. Also nehmen wir jetzt mal und gehen vom „Club“ weg. Stellen wir uns jetzt mal einen Aufsichtsratsvorsitzenden oder von mir aus auch den Präsidenten vor, der sagt: „Also ich fahr hier schon noch mit meinem fetten SUV rum, der richtig ordentlich hinten raus pustet. Und ich fahre auch nicht mit der Bahn zum Auswärtsspiel nach Rostock, sondern ich will da hin fliegen!“ Wie kann man so jemanden von dem Weg überzeugen, wenn du sagst, dass es eigentlich wichtig ist, dass alle, alle mitziehen, damit das halt auch wirklich nachhaltig werden kann das ganze Engagement?


Fußball wäre wahrscheinlich am nachhaltigsten, wenn er gar nicht stattfinden würde. Das ist wahrscheinlich nicht wegzudiskutieren. Insofern ist auch die Diskussion zum Beispiel, ob man zu Auswärtsspielen oder zu weiter entfernten Destinationen im Zug oder mit dem Flugzeug anreist natürlich auf der einen Seite berechtigt. Auf der anderen Seite ist es natürlich der Profibereich, und da finde ich das auch schon legitim, dass man sagt, es macht einfach Sinn, da zu fliegen. Das ist keine Frage, dass das weniger nachhaltig ist, als mit dem Zug zu fahren, aber das bringt nunmal auch der Profisport ein Stück weit mit sich. Da muss man sich auch sehr bewusst miteinander auseinandersetzen, aber ich glaube, das lässt sich auch nicht immer vermeiden. Zur Frage, wenn einzelne Personen in exponierter Position nicht mitziehen. Ich glaube, bei Fußballvereinen ist es so, dass auch gerade Personen, die da in den Gremien und Vereinsführungen sitzen, natürlich einer starken öffentlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt sind. Und wenn jetzt jemand – und da gab es ja auch Beispiele in der Vergangenheit –, wenn dann jemand damit auffällt, dass er sich da eben so verhält, dass man sagen kann, naja, das hat aber jetzt mit den Vereinswerten und der Nachhaltigkeit nicht viel zu tun, dann ist man auch, glaube ich, schnell in der Presse. Also insofern, glaube ich, reguliert das so ein bisschen der Markt, und die Presse tut da ihr Übriges. Also ich glaube, da ist jeder auch dran gehalten, wenn er einem Verein vorsteht, dann auch die Werte nach außen zu leben.


Gibt es deiner Ansicht nach einem Verein, der in seiner Vermarktung das absolute Gegenbeispiel für Nachhaltigkeit ist?


Natürlich gibt es da zwei Vereine, die wahrscheinlich jedem einfallen: Paris Saint-Germain und Manchester City sind für mich in eigentlich kaum einem Belang wirklich nachhaltig. Sind sie noch nicht mal sportlich, wenn man die eigenen Ansprüche, die sie an sich haben, überprüft. Und das ist auch ganz beruhigend und ganz schön zu sehen, ehrlich gesagt. Aber ja, das steht natürlich im Widerspruch: Ist das nachhaltig, jetzt diese Summen in den in den Fußball zu pumpen?


Wahrscheinlich würden die Leute vom katarischen Staatsfonds und aus Abu Dhabi, die die beiden Klubs ja nachhaltig mit Geld unterfüttern, das genaue Gegenteil behaupten. Die würden sagen, das ist nachhaltiges Investment aus ihrer Position.


Absolut. Deswegen sage ich ja, Nachhaltigkeit hat verschiedene Aspekte, und man kann auch sagen, das ist nachhaltig im Hinblick auf den langfristigen sportlichen Erfolg. Aber ich glaube, Nachhaltigkeit ist eben nicht nur sportlicher Erfolg und Investment. Sondern es geht ja darum – und da geht es wieder um das Wort nachhaltig, das eigentlich bedeutet langanhaltend, das heißt so zu agieren, das Dinge auch für die Zukunft nach wie vor nutzbar sind und das es einen großen Impact macht. Und wenn man diese Maßstäbe anlegt, dann glaube ich nicht, dass das langfristig in dieser Art und Weise funktionieren wird. Weil das würde ja bedeuten, dass sie über die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre weiterhin diese Summen da reinpumpen, was zwingend defizitär ist, was nicht zu re-erwirtschaften ist. Und dann ist es per se auch nicht nachhaltig. Sondern nachhaltig ist es ja, wenn es sich selber trägt, das System auch. Und insofern würde ich sagen, das sind klare Beispiele, wo es eben nicht nachhaltig ist.


Der Fußball steckt nach Jahren des Booms – auch nicht nur wegen Corona – gerade in einer ziemlichen Krise. Ist nachhaltiges Handeln auf Klub- und Verbandsebene für dich der einzige Weg aus dieser Krise wieder rauszukommen?


Ja, davon bin ich sehr überzeugt, gerade wenn wir die jüngeren Zielgruppen wieder für uns gewinnen und auch langfristig an uns binden wollen. Da ist das eben eine Maßgabe. Wenn man sich anguckt, mit welchen Themen Jugendliche und jüngere Zielgruppen, die Erstwähler, nach welchen Maßgaben, die wählen und Ihre politische Meinung äußern an der Wahlurne, dann stehen die Themen Nachhaltigkeit und Authentizität und Zukunftsperspektive – egal auf welcher politischen Seite –absolut im Vordergrund. Und dem kann sich auch der Fußball nicht verschließen, und dann geht es aber auch nicht darum, dann jetzt nur mal Solarpanels auf Stadiondach zu setzen und da Strom zu haben, sondern es geht wirklich darum, dass man erkennbar insgesamt in allen Bereichen nachhaltig agiert. Deswegen glaube ich auch, was ist unser Ziel oder unsere Vision angeht, das kann man sehr schnell eigentlich auch von heute auf morgen umsetzen. Und dann kann man auch relativ schnell der nachhaltigste Verein sein. Wenn man eben sofort anfängt, in allen Bereichen, ab jetzt so zu entscheiden. Große Aufgabe.


Dafür wünsche ich viel Erfolg, lieber Dirk. Vielen Dank, dass du die Zeit gefunden hast, heute bei uns zu sein und: Alles Gute.


Vielen Dank, hat großen Spaß gemacht.


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